Mittwoch, 18. Februar 2015

Cultural Corner

Es sind nicht nur die gewaltigen, offensichtlichen Dinge wie Zeitzone, Sprache, Klima - oft sind es vielmehr die kleinen Dinge, die alltäglichen Eigenartigkeiten, die das Gefühl ausmachen, das wir später "Kulturunterschiede" nennen und doch kaum in Worte fassen können.

weil diese kleinen Dinge meiner Meinung nach mindestens ebenso interessant (wenn nicht sogar manchmal viel interessanter!) sind, möchte ich euch in meinem cultural corner immer wieder die eine oder andere Kleinigkeit vorstellen, die mir hier so auffällt.

Der Telenovela-Hype
Meine Vorgänger-Freiwillige hat offenbar einmal beim Abendessen festgestellt: "Hier nehmen alle irgendwelche Drogen", woraufhin meine Gastoma entsetzt erwiderte: "Pass auf, was du da sagst! In unserem Haus nimmt keiner Drogen!". Daraufhin meinte meine Kollegin anscheinend nur: "Aber natürlich. Oder was ist das mit euren Telenovelas? Das ist doch schon beinahe wie eine Droge!". Als mir diese Anekdote mit einem Schmunzeln erzählt wurde, musste ich zunächst auch noch herzlich lachen. Als ich dann aber zum ersten Mal mitbekommen habe, wie die ganze Familie bis nachts um zwei aufgeblieben ist, weil eine Sonderausstrahlung ihrer Lieblingstelenovela im Programm war und am nächsten Tag wie gerädert herumgelaufen ist und nachdem das abendliche Familienleben ohnehin nach Sendezeiten getaktet ist, verstehe ich langsam den Ernst der Lage.
Es ist nicht nur so, dass einzelne Familien einzelne Telenovelas verfolgen, nein. Vielmehr gibt es bestimmte, die bereits zur Allgemeinbildung zählen und einfach jeder hier kennt.
Von den Protagonisten wird gelernt, mit ihnen gehofft und gebangt und es werden Spekulationen angestellt, wer der Bösewicht sein könnte, die nicht lebendiger sein könnten, wenn sich das ganze Drama im Nachbarhaus abspielen würde.
Nun kann man sagen, dass dies in der Generation meiner Gastgroßeltern nicht verwunderlich ist und das habe ich mir auch versucht einzureden - aber dieser Telenovela-Hype zieht sich durch alle Generationen.
Am Höhepunkt war mein Erstaunen aber, als ich "unsere" Kinder letzte Woche im Computerraum erwischt habe - mucksmäuschenstill saßen sie dort im Dunkeln, was mich misstrauisch gemacht hat (wer "unsere" Kinder kennt, der weiß, wie ungewöhnlich das ist). Doch als ich näherkomme, um zu sehen, was da vor sich geht, traue ich meinen Augen kaum: Ungefähr 10 unserer Jugendlichen (zwischen 12 und 16 Jahren) haben sich in das enge Räumchen gequetscht und schauen gebannt - eine (Jugend-)telenovela!

Montag, 5. Januar 2015

2015 - neues Jahr, neues Glück!

Silvester in Cuenca - nicht nur 6 Stunden später, sondern auch sonst ganz schön anders als in Deutschland.
Hier mal ein paar ecuadorianische Silvester-Riten im Portrait:

Die gelbe Unterwäsche:
Traditionell ist sie gelb, mittlerweile gibt es aber ganz verschieden Varianten (rot: Glück in der Liebe, gelb: Wohlstand,...). Eines haben sie aber alle gemeinsam: In der Silvesternacht getragen bringen sie Glück fürs neue Jahr.

Mit dem Koffer eine Runde drehen:
Eine "Runde" kann in diesem Fall eine Runde um den Tisch, im Raum, ums Haus oder um den Wohnblock sein, die Distanz spielt keine Rolle. Mehr die Symbolik: Mit einem Koffer am 31. Dezember eine Runde zu drehen, verspricht eine Reise fürs kommende Jahr.

Zwölf Münzen:
Zwölf Münzen, kurz vor Mitternacht über die Schulter geworfen, versprechen Wohlstand und Glück fürs neue Jahr.

Die zwölf Trauben:
Eines der bekannteren (da zB. auch in Spanien weit verbreitetes) Silvester-Ritual ist die Tradition der zwölf Trauben. Punkt Mitternacht wird mit jedem Glockenschlag eine Traube gegessen und im Geiste ein Wunsch formuliert - der dann im neuen Jahr in Erfüllung geht.

Das Verbrennen des "año viejo"
Definitiv die wichtigste Tradition zu Silvester hier in Ecuador: Jede Familie bastelt einen "viejo" ("año viejo" = altes Jahr), der symbolisch für das zu Ende gehende Jahr steht. Der viejo kann eine Person aus Märchen, Politik oder auch der eigenen Familie sein, der es in diesem Jahr nicht gut ergangen ist oder der man viel Glück fürs neue Jahr wünscht. Manchmal wird der viejo vor dem Verbrennen getreten (auch eine Art von Konfliktverarbeitung ;) ) oder mit ihm getanzt - aber auf jeden Fall wird die Puppe um Mitternacht auf der Straße verbrannt.
Natürlich können die Tage vor Silvester viejos in allen Formen, Farben und Größen auch für Geld erstanden werden und auch jedes Barrio (=Stadtviertel) hat seine eigene überlebensgroße Pappmaché-Puppe, die man bis Mitternacht im Zentrum der Stadt bewundern kann.

Als letzte, nicht ausdrücklich als Tradition definierte, aber doch viel praktizierte Aktion an Silvester folgt dann der Tanz ins neue Jahr hinein. Das Jahr 2015 begann für mich also mit traditioneller ecuadorianischer Musik, feuchtfröhlicher Stimmung und Tanz im Wohnzimmer der Nachbarn - nach diesem Auftakt bin ich mehr als gespannt, was das neu angebrochene Jahr sonst noch so für mich bereithält!

Meine persönliche "año viejo"-Galarie aus den Tagen vor Silvester









unsere "viejitos": eine meditierende Monica (meine Gastmutter),
ein Nicolas (mein kleiner Gastcousin) und ein Spiderman
Año Viejo eines Barrios:
Nett gemachte Anspielung auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Rio
PS: Bitte entschuldigt die Verspätung der letzten Posts, unser Internet hier hat beschlossen, sich eine Weihnachts-Auszeit zu gönnen.


"fröhliche Weihnacht überall..." - auch in Ecuador!

"Leise rieselt..." die Sonne durch meine Vorhänge und weckt mich am Morgen des 24. Dezembers in meinem Zimmer in Cuenca.
Ich stehe auf und richte mich für die Arbeit - nicht allzu viel Weihnachtsfeeling bis jetzt.
Wir arbeiten am 24ten Dezember, aber die paar Kinder, die in die Fundación kommen, verschwinden nach dem Mittagessen wieder in Richtung zu Hause und so beginnt unser kleines Team in der Fundación ein spontanes Weihnachtsessen zu kochen. Es gibt Ceviche (eine Art kalte Suppe mit Meeresfrüchten) und eine Art süßes Fettgebäck (ähnlich wie Fasnetsküchle) - langsam kommt Weihnachtsstimmung auf. Nicht die typische, weiße, ruhige Weihnachtsstimmung, die vom Schnee und Glühwein handelt, sondern eine fröhliche, warme Weihnachtsstimmung, die gutes Essen und Sonnenschein verspricht.

In sommerfestlichem Stil geht es dann auch auf der Familienfeier am 25ten weiter - Hängematten, gutes Wetter und Karaoke lassen mich Weihnachten mal ganz anders erleben. Außerdem besonders für mich: Eine rießen Familie! Eine Urgroßmutter mit 8 Kindern, alle mit ihren Familien - und zum Schluss ist die ganze Veranstaltung wie fast immer hier in einer kleinen Tanzveranstaltung ausgelaufen. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie hier gefeiert wird, denn obwohl die Basics überall dieselben sind (fröhliche Gesellschaft, gutes Essen, Musik,..), gibt es einige Details, die den Kulturunterschied deutlich machen.

Die Bescherung erfolgte dann am ersten Weihnachtsfeiertag abends, als wir von der Familienfeier zurückgekehrt waren im kleinsten Kreis. Es war wirklich schön und neben den Geschenken von meiner Gastfamilie habe ich mich auch sehr über das Päckchen meiner Familie gefreut, die mir auf diesem Weg ein paar weihnachtliche Grüße aus der Heimat gesendet haben - Dankeschön!




Sonntag, 21. Dezember 2014

erster Quartalsbericht

Hallo ihr Lieben!

Tatsächlich haben wir jetzt bereits den ersten Quartalsbericht für unsere Entsendeorganisation bezev geschrieben - unglaublich, wie die Zeit verfliegt!
Wenn euch der Bericht auch interessiert, hier ist er:
 (wen es nicht interessiert, jetzt bitte nicht weiterlesen! ;) )





Zwischenbilanz                                                                              Cuenca, den 10.12.2014


Ich wache auf, in einem fremden Zimmer.
Ich öffne die Vorhänge und schaue auf eine fremde, lateinamerikanische Stadt.
Ich komme in die Küche zum Frühstück und lächelnde Gesichter begrüßen mich in einer fremden Sprache.
Das waren meine ersten Eindrücke, jeden Tag aufs Neue. Man kann am besten beschreiben, wie es sich anfühlt, ein einem fremden Land zu sein, wenn man auf die kleinen Dinge schaut: Die natürlichsten, alltäglichsten Dinge, die plötzlich anders und neu sind. Das Essen, das Wetter, die Sprache.
Es ist wie großes Geschenk und jeden Tag entdecke ich ein neues Detail, das ich bisher noch nicht wahrgenommen habe.

Meine ersten Wochen hier vergingen wie im Flug und bevor ich mich versah, war ich ein Teil der Familie und habe mit Laura, der anderen deutschen Freiwilligen, die Stadt erkundet. Cuenca ist eine wunderschöne, typisch südamerikanische Stadt. Sie ist mit ihren 277.000 Einwohnern nicht zu groß und nicht zu klein, wirkt in vielen Ecken ein bisschen unordentlich aber liebenswert und man fühlt sich sehr wohl und sicher hier. Natürlich haben wir jede Menge Sicherheitsanweisungen bekommen (die gesamte erste Woche war voll davon: Zuerst in unseren Gastfamilien, dann von unserer Mentorin Patricia, dann von der Direktorin in der Fundación und dann noch von ungefähr jedem, der uns über den Weg gelaufen ist), aber wenn man sich an die hält, lebt man sehr gut hier und da Cuenca viele Einwanderer aus den USA hat, sind die Cuencaner an Ausländer gewöhnt. Was zur Orientierung ziemlich beiträgt, ist auch die Einteilung der Stadt in Cuadras – quadratisch, praktisch, gut!
Der nächste sehr wichtige Faktor beim Einleben in eine fremde Kultur sind natürlich die Menschen mit denen man zusammenlebt. In meinem Fall handelt es sich hierbei um eine ecuadorianische Familie mit sieben Mitgliedern. Der „innere Kern“ besteht aus Mónica, meiner Gastmutter und ihren Eltern, die im zweiten Stock eines Hauses an einer der Hauptstraßen Cuencas wohnen. Unter uns, im ersten Stock wohnt Mónicas Bruder mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn (3 Jahre), der aufgrund der Arbeit seiner Eltern viel Zeit bei seinen Großeltern (also bei uns) verbringt. Das siebte Mitglied der Familie ist Mónicas Tochter, die gerade die Highschool in den USA beendet und mir so großzügigerweise ihr Zimmer (kleines Zimmerchen mit riesen Bett) für ein Jahr überlässt.
Da die Großeltern in Rente sind und eigentlich den ganzen Tag zu Hause bleiben, ist der Familienalltag hier ziemlich ruhig. Ich gehe mit Mónica zur Arbeit, wenn sie nicht gerade später Schicht hat und komme auch meistens mit ihr nach Hause, wo bereits fleißig gekocht wird. Meine ist eine leidenschaftliche und begabte Köchin und da sie ein paar Jahre an der Küste gelebt hat, wird hier viel Fisch, Meeresfrüchte und typische Küsten-gerichte gekocht – super lecker!
Die Abende sind hier an die allabendlichen Telenovelas angepasst, die nicht nur mit Begeisterung verfolgt, sondern auch lebhaft diskutiert und analysiert werden.
Meistens steht für mich und Laura abends auch noch Bailoterapia auf dem Programm, eine Initiative der Gemeinde Cuenca, die den Bewohnern kostenlose Zumba-Stunden in vielen öffentlichen Parks bietet. Für ausreichend Fitness ist also gesorgt – was bei dem leckeren und vielen Essen hier allerdings auch wirklich nötig ist!

Kommen wir nun aber zu dem eigentlichen Grund, warum ich hier bin: Die Arbeit.
Ich arbeite hier in der Fundación El Arenal, einer Einrichtung für Kinder in der Nähe des größten Markts in Cuenca (El Arenal), auf dem die meisten der Mütter unserer Kinder arbeiten. Die Kinder, die meist aus schwierigen familiären Verhältnissen kommen, benötigen Unterstützung bei den Hausaufgaben und erhalten zwei Malzeiten (Mittagessen und Zwischenmalzeit am Nachmittag) bei uns. Oftmals geht es aber auch einfach nur um einen Platz, wo die Kinder nach der Schule hinkönnen. Ein Platz, der nicht das leere Zuhause ist, wo keiner auf sie aufpassen kann, da die Mutter beim Arbeiten ist. Ein Platz, der nicht die Straße ist, wo viele sich sonst herumtreiben würden und auf Abwege geraten.
Die Kinder sind in zwei Gruppen eingeteilt: Die Kinder, die nachmittags nach der Schule zu uns kommen und die Adolecentes (Jugendlichen), die Vormittags vor dem Colegio (das am Nachmittag stattfindet) in die Fundación kommen.


Für die Freiwilligen gibt es zwei unterschiedliche Arbeitspläne, mit denen wir uns im Wochentakt abwechseln: Der eine hat 37 Stunden, allerdings den Samstag inklusive und der andere hat 39 Stunden, nur unter der Woche. Die Arbeit macht superviel Spaß, trotzdem kann es, besonders in der 39-Stunden-Woche manchmal sehr anstrengend sein.
Laura und ich haben die Workshops unter uns aufgeteilt und mir ist der „kommunikative Workshop“ zugefallen: Hier arbeite ich mit Veronica, einer Lehrerin der Fundación, zusammen und wir üben mit den Kindern Text- und Hörverständnis. Meistens geben wir ihnen ein Beispiel oder eine Vorgabe (hier ist Kreativität und Spontanität gefragt: Puppentheater, Geschichten erzählen, ein Spiel,…), die die Kinder erst wiedergeben und dann in irgendeiner Form kreativ reproduzieren sollen.

Jeder Freitag für die Kinder und jeder Samstag für die Jugendlichen ist ein „día cultural“, an dem Ausflüge (zum Zoo, ins Schwimmbad, in einen Park,…) gemacht oder (einmal im Monat) ein Film angeschaut wird. Diese Ausflüge sind für die Kinder wirkliche Höhepunkte und obwohl es für die Betreuer (3 Lehrer, 2 Freiwillige, 50 Kinder) sehr stressig sein kann, lohnt es sich wirklich!
Im Moment bereiten wir außerdem ein Zeltlager für die Jugendlichen vor, das demnächst stattfinden soll.

Außerhalb der Arbeit hatten Laura und ich bereits viel Zeit, uns das Land anzusehen, und wir sind bereits wirklich herumgekommen: Die Küste, die Hauptstadt (Quito) und ein kleines Dörfchen in der Nähe des Dschungels haben wir bereits gesehen, aber auch hier in Cuenca gibt es einiges zu entdecken: Den Nationalpark Cajas, die umliegenden Dörfer oder natürlich die Stadt selbst, mit ihrem historischen Stadtkern.

Mittlerweile hat auch der Weltwärts-Tag stattgefunden, ein Treffen aller „weltwärts“-Freiwilligen, die sich gerade in Ecuador befinden. Dafür sind wir extra nach Quito gereist und haben das Wochenende dort verbracht. Es war wirklich interessant, die anderen Freiwilligen kennenzulernen und mehr über die Projekte zu erfahren, in denen sie arbeiten. Als ich allerdings dieses Haus voller deutscher Jugendlichen gesehen habe, ist mir erst bewusst geworden, wie sehr ich mich bereits daran gewöhnt habe, mehrheitlich Ecuadorianer um mich zu haben. Als ich auf einmal ein ganzes Wochenende lang fast nur deutsch gesprochen habe, wurde mir klar, wie sehr sich meine Ohren bereits an das Spanisch gewöhnt haben.
Es ist längst nicht mehr alles fremd für mich hier (wenngleich auch immer noch auf eine gewisse Weise neu), mittlerweile fühlt es sich eher wie zuhause an. Jeden Tag ein Bisschen mehr.

Ich wache auf, in meinem Zimmer.
Ich öffne die Vorhänge und schaue auf eine mittlerweile vertraute, lateinamerikanische Stadt.
Ich komme in die Küche zum Frühstück und meine Familie fragt, wie es mir geht (das wir Spanisch sprechen, nehme ich mittlerweile oft gar nicht mehr wahr).
Auf dem Weg zum Bus muss ich lächeln -  ich bin angekommen.


Donnerstag, 4. Dezember 2014

Campamento - Zelten der Sonderklasse

Dieses Wochenende waren wir mit den Jugendlichen der Fundación beim "Campamento" (Zeltlager) in Yunguilla. Es ist schon erstaunlich, dieses Land: Man fährt nur ca. 2h ein Bisschen aus der Sierra raus (Yunguilla liegt im Tal) und schon ist es zwei Jahreszeiten wärmer! Das ist für Urlaub zwar wirklich cool, um Zeltausrüstung, Feuerholz und Töpfe durchs Dickicht zu schleppen, ist die brütende Hitze allerdings suboptimal.
Als dann das Lager endlich aufgeschlagen, das Feuer angefacht und das Essen gekocht war, kam allerdings langsam richtiges Zeltlager-Feeling auf. Man konnte förmlich spüren, wie die Gruppe mit jeder Stunde mehr zusammenwuchs und im Laufe der zwei Tage konnten wir an jedem und jeder Einzelnen noch einmal ganz neue Seiten entdecken.

Endlich was zwischen die Zähne! In der Natur schmeckt alles gleich noch besser...
Zum Beispiel während einer Reflexion, bei der die Jugendlichen über die Arbeit ihrer Mütter gesprochen haben (die meisten Mütter arbeiten auf dem Markt oder ziehen mit ihrem Stand durch die Straßen - beides eine körperlich sehr anstrengende Arbeit) und über die Wertschätzung, die die Jugendlichen ihren Müttern dafür entgegenbringen (oder eben auch nicht). Das ist einer der vielen interessanten Aspekte in der Arbeit mit den Jugendlichen, denn während bei den kleineren die Lebenssituation noch nicht so explizit thematisiert wird, sind sich die Jugendlichen meistens ziemlich genau darüber bewusst, was sie ohne Unterstützung ihrer Familien erwarten würde. Viele wissen bereits, was arbeiten bedeutet, erzählen davon, wie sehr ein Tag auf dem Markt erschöpft und beinahe alle kennen die Straße und ihre Gefahren aus erster Hand.
Das sind die Momente, in denen ich begreife, dass ich die Situation der Jugendlichen nie wirklich verstehen kann, mit einem Hintergrund, der so anders ist als der ihre.
Und im nächsten Augenblick ist der Moment vergangen und sie benehmen sich wieder wie ganz normale Jugendliche, die auf einem Zeltlager endlich mal all ihre Energie rauslassen können.



Und wie jeder, der schon einmal an einem Zeltlager teilgenommen hat, weiß, sind es die Nächte, auf die es ankommt und die am meisten Spaß machen.
Da Laura und ich unter freiem Himmel geschlafen haben, hatte ich das große Glück, jede noch so kleine Regung und jedes Kichern live mitzubekommen und kann euch so einen minutiösen Bericht unserer Nacht liefern:

23:00 Uhr: Nach einer Runde Gruselgeschichten am Lagerfeuer werden die Jugendlichen jetzt langsam ins Bett geschickt.
23:30 Uhr: Natürlich ist noch keiner im Bett.
00:00 Uhr: Marco hat Geburtstag. Wir essen den (leider etwas zerdrückten) Kuchen, den Laura und ich mitgebracht haben.
01:30 Uhr: Nachdem die Jugendlichen es endlich in ihre Zelte geschafft haben, gehen jetzt auch die Betreuer schlafen.
bis 02:00 Uhr: Gekicher aus Zelt 1.
03:30 Uhr: María schleicht sich ins Zelt der Jungs. Sie ist sich sicher, dass sie nicht bemerkt wurde.
04:00 Uhr: María (kreischt): "Juaaaaan! Gib mir meine Haarspange wieder!"
                Juan: "Ich hab deine dumme Spange nicht"
                 María: "Wooo ist meine Spange??"
04:36 Uhr: Gekicher und Geflüster aus Zelt 2.
04:38 Uhr: Es kann jetzt nicht mehr von Geflüster, hier muss von Geschrei geredet werden.
04:45 Uhr: Aus Marcos Zelt dröhnt ein Schrei: "RUHE!!"
- Es herrscht ganze 10 Sekunden Stille -
04:46 Uhr: Das Gekicher geht wieder los.
05:30 Uhr: Die verlorene Haarspange hat urplötzlich enorm an Bedeutung gewonnen und wird lautstark mit allen Mitteln und in allen Zelten gesucht. ("Rückt sofort meine Haarspange raus! Und hey, mein Ohrring fehlt auch!")
06:00 Uhr: Die Gruppe, die fürs Frühstück eingeteilt ist, wird aufgeweckt, um die Töpfe zu spülen. Natürlich wachen auch alle anderen auf.
06:05 Uhr: Mit einem tiefen Seufzer steht Marco auf und tritt aus seinem Zelt.
06:15 Uhr: Einer der Jugendlichen stolpert über meinen Schlafsack und fällt mir fast ins Gesicht.
Ich stehe auf. Die Nacht ist vorbei.



Samstag, 1. November 2014

Colada Morada & Guaguas de Pan

01. November - el Día de los Difuntos.
Das ist hier nicht nur irgendein theoretischer Feiertag, bei dem man eben auf den Friedhof geht, nein, hier wird dieser Tag wirklich geradezu gefeiert!
Viele gehen auf den Friedhof, besuchen dort ihre Toten, oftmals in Begleitung von Livemusik.
Was diesen Tag aber eigentlich ausmacht, sind die typischen Speisen, die heute in keinem Haushalt fehlen dürfen:
Die Colada Morada mit Guaguas de Pan!
Da meine Gastoma eine begeisterte und sehr begabte Köchin ist, hatte ich das Glück, hausgemachte Colada Morada probieren zu dürfen! Bereits morgens erwartete mich in der Küche ein gigantischer Topf, in dem alle möglichen Früchte vor sich hin köchelten: Naranjilla, Babaco (Bergpapaya), Ananas, Brombeeren, Frutillas (Erdbeeren), Heidelbeeren und verschiedenste Gewürze von denen ich nicht einmal die Hälfte benennen könnte.
All das wird mit einer Art lila Maismehl gekocht und anschließend warm "getrunken" (ich wurde bereits vorgewarnt, dass "gegessen" vielleicht eher passend wäre, konnte es aber kaum glauben, bis ich selbst vor der Herausforderung stand, das zähflüssige Getränk mit den ganzen Früchten zu konsumieren ohne dabei entweder mich oder die Tischdecke komplett zu bekleckern).
Und natürlich darf zu der Colada Morada ein Guagua de Pan nicht fehlen! Hierbei handelt es sich um kleine Teigpüppchen, die in der Form kleinen Kindern (kichwa: guagua) ähneln. Sie schmecken süß, sind teilweise mit Marmelade gefüllt und mit Zuckerguss verziert - sehr lecker!

Übrigens: Ebenfalls typisch für diesen Feiertag ist der Regen, von dem wir heute auch reichlich abbekommen haben. :D

Guagua de Pan und Colada Morada in stilvoller "Happy Birthday"-Tasse :D

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ecuador - Land der Extreme!




Wenn man Ecuador als Land der extremen Gegensätze bezeichnet (und das ist definitiv passend), dann ist Baños bei Ambato einer der Orte, wo man dies am Besten erleben kann: Die Gegensätze fangen schon bei der Anreise an, die einem erlaubt in nur 6h vom Arbeitsalltag in Cuenca hinein ins absolute Urlaubsfeeling zu reisen, dass sich spätestens dann einstellt, wenn man die wunderschöne Landschaft des in einem Tal gelegenen kleinen Dörfchens näher betrachtet, wo die Vegetation dank der Nähe zum noch immer aktiven Vulkan "Tungurahua"(Quechua: "brennender Schlund") prächtig gedeiht und schon mal einen Vorgeschmack auf den nicht mehr weit entfernten Dschungel liefert. Nicht umsonst wird Baños auch das "Tor zum Dschungel" genannt.
Weiter geht's mit den Extremen, wenn man sich nach Einquartierung im Hotel das Zentrum und die Touri-büros einmal genauer anschaut: Von Bungee Jumping bis Canyoning werden hier alle möglichen Extremsportarten geboten - klar, dass wir da sofort eingestiegen sind! 

Keine drei Stunden nach unserer Ankunft in Baños standen wir bereits (hauptsächlich vor Kälte ;) ) schlotternd am Abrund eines Wasserfalls und lauschten (angesichts der Höhe) hochkonzentriert den Instruktionen des Guides, der uns in die Basistechnik des Canyoning einwies. Dank der Neoprenanzüge sind wir nicht erfroren und das Bisschen Kälte hat sich mit jedem Wasserfall vor wunderschöner Kulisse, jedem gelungenen Abstieg, spätestens aber beim Aufwärmen mit Tee & Popcorn absolut gelohnt!


Bestärkt von diesem erfolgreichen Erlebnis haben wir uns sofort bei Rückkehr für das Bridge Jumping am nächsten Morgen eingetragen. Gesprungen wurde von der Brücke San Francisco, die mit 300m Fallhöhe angeblich die größte Bungeejump-Anlage in Südamerika sein soll. Auf jeden Fall ist es ein atemberaubendes Gefühl, auf der Kante der kleinen Plattform zu stehen, nach unten zu schauen und den Mann hinter sich runterzählen zu hören: 3 - 2 - 1 - SPRUNG !! 

 Wofür Baños aber eigentlich berühmt ist, sind seine Baños (= Bäder): Das Thermalwasser kommt direkt aus der Erde und ihm wird neben heilenden Kräften auch spirituelle Bedeutung beigemessen. Letzteres kann ich zwar nicht beurteilen, wenn man allerdings nach der Temperatur geht, würde man einen eher gottesferneren Ort als Ursprung vermuten - das Wasser ist wirklich kochend heiß! Vermutlich befinden sich aus diesem Grund direkt daneben die Becken mit dem kalten Wasser, in denen man sich abkühlen kann - zumindest, bis man merkt, dass es sich hierbei nur um Eiswasser handeln kann!
Ihr dürft gerne mal raten, um was für Temperaturen es sich gehandelt hat - Auflösung kommt mit dem nächsten Post! :D

                                                                                           Auflösung:   Bild Nr. 1: KOCHEND HEISS (43°C!!)
                                                                                                               Bild Nr. 2: EISWASSER (Kneippwassertemperatur)